Die Heldenreise des Bürgers

Stell dir eine Welt vor, in der die meisten Menschen nie erwachsen werden. In der ausgewachsene Menschen naiv und unbewusst wie Kinder sind. In “Die Heldenreise des Bürgers - Vom Untertan zum Souverän” geht Raymond Unger der Frage nach, wie ein Mensch vom Spielball der Angstmacher zum gefestigten Individuum werden kann.

Krise
Es herrscht Krise im Land. Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Corona-, Ukraine-, Klima-, Energiekrise, die Krisen wollen nicht abreißen. Stets ist die Not derart groß und unmittelbar, dass nur sofortige, drastische Eingriffe seitens der Machthaber die Katastrophe im allerletzten Moment abwenden können. Es bleibt keine Zeit, das Volk zu Rate zu ziehen, dessen Zustimmung ja ohnehin gewiss wäre: Nur ein verblendeter, gewissenloser Unmensch könnte sich im Angesicht der Krise gegen die einzige, alternativlose Handlungsoption stellen.

Wie kommt es, fragt man sich, dass so viele Leute immer wieder auf dieses immer gleich gestrickte, plumpe Narrativ herein fallen? Wie kommt es, dass sie scheinbar jedes Opfer an Lebensqualität, Geld, Gesundheit und Selbstbestimmtheit zu geben bereit sind, wenn man ihnen nur verspricht, sie so vor dem Feuer der Hölle zu bewahren, das sich in hier in Form eines Virus, da in einer Hitzewelle oder auch im Russen zeigt?

Der Held vor der Reise
Wieder einmal ist eine Krise über dein Land herein gebrochen. Wieder einmal erzählen dir die elektronischen Medien, die Zeitung, vermutlich deine Kollegen und vielleicht auch deine Freunde und Familie, dass die Gefahr diesmal wirklich übermächtig ist. Wieder einmal zeigen sie dir den einen Ausweg. Doch etwas ist diesmal anders. Unerklärlicherweise überkommt dich plötzlich das Gefühl, widersprechen zu wollen. Unruhe erfasst dich, schließlich kommt dir die waghalsige Ahnung: Ist es womöglich gar nicht so schlimm? Ist es in Ordnung, dass ich die Dinge anders sehe? Bin ich vielleicht gar kein schlechter Mensch, wenn ich mich nicht mit der Masse mitlaufe?

Der Widerspruch zwischen der scheinbaren Realität der äußeren Krise und der unvermutet auftauchenden inneren Stimme führt zu einer inneren Krise. Diese Krise ist ein Ruf, eine Einladung zur Heldenreise. Die Versuchung ist groß, sich abzulenken und in alten Bahnen weiter zu wursteln. Der Aufbruch wird erleichtert, wenn uns ein Bote erscheint: Als der Zauberer Gandalf dem gemütlichen Frührentner Bilbo Beutlin großes, jedoch unerschlossenes Potential bescheinigt, ist dieser derart im Innersten erregt, dass er sich kurz entschlossen einem Abenteuer anschließt, das sein Leben sehr viel beschwerlicher, aber auch schöner und reicher macht.

Mein Aufbruch
Ich erinnere mich an einen Augenblick, in dem mir ein Bote erschien. Es war auf einer Studienreise vor sieben Jahren, als die moralischen Gemüter Deutschlands vom Flüchtlingsanstrom erregt waren. In meinen Kreisen galt damals der Konsens, dass den armen, jungen Burschen, die da zu Hunderttausenden ins Land kamen, jede nur mögliche Hilfe zu leisten sei. Egal wie viele noch kommen würden, die Menschlichkeit verpflichtete uns, sie alle freundlich aufzunehmen. In dieser Stimmung kommentierte ein schlaksiger Junge, dass er die Sache anders sehe. Die Äußerung rief kurz entrüsteten Widerspruch von den umstehenden hervor, die Szene schien aber rasch vergessen.

Allein, in meinem Kopf begann ein Gedanke herumzuspuken. Der Junge hatte mich beeindruckt. Gegen alle Konvention hatte er anders gedacht. Mehr noch, er hatte die Maske fallen gelassen, hatte einfach gesagt, was er in diesem Moment dachte oder fühlte. Er musste geahnt haben, dass die Masse ihn wie ein Krähenschwarm anpicken würde, aber angesichts seiner kühlen Ruhe schien er zu wissen, dass sie ihm nichts anhaben konnten. In den folgenden Jahren, als ich mehr und mehr hinter die Fassaden meiner mir von außen aufgedrückten Weltanschauungen zu blicken begann, erinnerte ich mich noch oft an diese Szene.

Auseinandersetzung
Dem bangen Aufbruch folgen Kämpfe. Dein Kurswechsel stößt auf taube Ohren, du merkst, dass viele deiner Freunde dort bleiben wollen, wo sie jetzt sind. Deine neuen Gedanken und Regungen stören. Freundschaften verblühen. Auf der Arbeit lernst du, nachdem dir vielleicht eine unvorsichtige Bemerkung oder gar ein Witz eine blutige Nase eingebracht hat, dass du vorsichtig sein musst, wenn du auf das Geld angewiesen bist. Doch dies sind Lappalien gegen die gewaltigen Turbulenzen, die sich in deinem Inneren auftun. Sollte ich all die Jahre auf dem Holzweg gewesen sein? Wie viele Jahre habe ich damit verschwendet, fremdem Willen zu folgen? Wie finde ich den Mut und die Tatkraft, meinen eigenen Weg zu gehen? Wo ist dieser Weg?

Die wahre Aufgabe des Helden ist es nicht allein, sich von herkömmlichen Ansichten, Moralvorstellungen und Ängsten zu befreien, und die kleinlichen Angriffe der verstockten Masse abzuwehren. Dies sind nur die oberen Schichten der Fremdbestimmung, die es abzuwerfen gilt. Der Held muss weiter graben, bis er auf das Gold stößt, zu dem hin ihn die Frage leitet: Was ist meine Berufung? Auch bei dieser Frage darf auf die Meinungen anderer keine Rücksicht genommen werden. Raymond Unger musste einiges an Häme aushalten, als er beschloss, Kunstmaler zu werden. Ängstliche Menschen sehen es nicht gern, wenn jemand unerschrocken seinen eigenen Weg geht, das könnte sie an das eigene, verschenkte Potential erinnern.