Jäger

Tief in dir lebt ein wildes Tier, das will jagen und töten und Blut sehen. Vielleicht hast du es vergessen, vielleicht es nie gesehen. Aber es ist da, spürst du nicht das alte Erbe? Wagst du, es einmal frei zu lassen?

Geduckt setzt du, vorsichtig, langsam, Schritt vor Schritt. Du bist ganz Blick, ganz Auge, ganz Ohr auch, kein Rascheln entgeht dir. Etwas ragt hell aus einem Stamm, dein Blick verengt sich - nur ein Ast. Schon schweifen suchend wieder deine Augen, jeden Strauch abtastend. Da, ein Flattern! Der Flügelschlag der Taube dröhnt dir sekundenlang im Ohr, dann wieder nur Wind, die wiegenden Bäume, das flüsternde Laub. Ein Zweig zerbricht unter deinem Fuß, bange hältst du inne, horchst auf ein Flattern - doch es bleibt still.

Bald bist du zurück auf dem Schotterweg, passierst einen Spaziergänger mit Hund, zwingst dich zu einem freundlichen Kopfnicken - bemerkt er nicht die Blutgier in deinen Augen? - gehst weiter, siehst dich um, er verschwindet bereits hinter der Wegbiegung. Sogleich verlangsamt sich dein Schritt zu einem Schleichen, die Hand gleitet zurück an die Waffe. Glitzernd dringen die Spiegelungen der Wolken auf dem Gewässer durch blattlose Sträucher an dein Auge. Erst jetzt siehst du die Enten, die dich längst bemerkt haben, sich gemächlich von dir entfernen. Sofort beschleunigt sich dein Herzschlag, ein letzter Blick, die Luft ist rein. Du hebst die Waffe, deine Hand zittert leicht, die Enten entfernen sich nun rascher, jetzt oder nie! Schon jagt die Kugel auf eine der Enten zu.

Platsch! Dicht neben ihrem Hals fährt as Geschoß ins Wasser. Empört krächzend fliegt das Tier auf, lässt sich bald wieder aufs Wasser herab sinken und paddelt außer Schussweite. Wieder daneben. Die Spannung des Jägers fällt ab, und mit ihr weicht die Kraft aus dir. Mit einem Male merkst du, wie anstrengend die ungeheure Konzentration der Jagd war. Langsam steckst du die Waffe ein, drehst dich um, gehst zurück. Die Geräusche kommen wieder - Wind, Bäume, Vögel, Stimmen, Autos. Dann kommen Durst und Hunger. Den Blick zu Boden gesenkt, grimmig, marschierst du nach Hause. Zurück in die Zivilisation. Doch nimmst du etwas aus dem Wald mit: Deine Urinstinkte, die so lange schliefen. Du erinnerst dich wieder, wer, was, du wirklich bist, wer du sein kannst wenn es sein muss: Jäger. Verborgen, verschlagen, gnadenlos.